Veröffentlicht am Oktober 22, 2024

Um VC-Geld zu erhalten, müssen Sie aufhören wie ein Gründer zu denken und anfangen, die Welt durch die Augen eines Investors zu sehen: als eine Reihe asymmetrischer Wetten.

  • VCs investieren nicht in gute Unternehmen, sondern in Ausreisser mit dem Potenzial für 100-fache Renditen, um ihr gesamtes Portfolio zu finanzieren.
  • Ihr Pitch Deck ist kein Dokument, sondern ein Filter, der in unter drei Minuten ein klares Signal senden muss: Skalierbarkeit, ein herausragendes Team und ein riesiger Markt.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich nicht darauf, zu beweisen, dass Ihre Idee nicht scheitern kann, sondern darauf, zu demonstrieren, wie sie – falls sie funktioniert – explosiv wachsen kann. Das ist der Schlüssel zum Kapital.

Jeder ambitionierte Gründer kennt den Traum: eine revolutionäre Idee, die nicht nur ein Problem löst, sondern eine ganze Branche verändert. Doch zwischen dieser Vision und ihrer Verwirklichung steht oft die grösste Hürde – die Finanzierung. Die Jagd nach Risikokapital (Venture Capital, VC) ist für viele Tech-Startups mit globalen Ambitionen der entscheidende Schritt. Man liest unzählige Ratschläge: Man brauche eine brillante Idee, ein lückenloses Pitch Deck und ein solides Team. Man optimiert Folien, probt den Elevator Pitch und vernetzt sich auf Branchenevents.

Doch diese herkömmlichen Ansätze kratzen nur an der Oberfläche. Sie behandeln die Kapitalbeschaffung wie eine Bewerbung, bei der man eine Checkliste abarbeitet. Das ist ein fundamentaler Fehler. Venture-Capital-Investoren arbeiten nicht nach Checklisten, sondern nach den unbarmherzigen Gesetzen der Portfolio-Mathematik und der Suche nach extremen Ausreissern. Sie wollen keine soliden, profitablen Unternehmen finanzieren – dafür gibt es Banken und andere Finanzierungsformen. Sie suchen nach den seltenen „Unicorns“, die ihre gesamten Fondsrenditen im Alleingang erwirtschaften können.

Aber was, wenn der Schlüssel zum Erfolg nicht darin liegt, einen perfekten Plan zu präsentieren, sondern darin, die Denkweise, die Ängste und die Anreize eines VCs vollständig zu verstehen und für sich zu nutzen? Dieser Artikel öffnet die „Blackbox“ des Venture Capitals. Wir werden nicht nur besprechen, *was* Sie in Ihrem Pitch sagen müssen, sondern *warum* es aus der Perspektive des Investors funktioniert. Wir analysieren die Logik hinter der Unicorn-Jagd, die Psychologie eines 3-Minuten-Pitches und die versteckten Fallstricke in Term Sheets, die über Ihren zukünftigen Wohlstand entscheiden.

Dieser Leitfaden ist Ihr strategischer Kompass, um nicht nur um Geld zu bitten, sondern es strategisch anzuziehen, indem Sie beweisen, dass Ihre Vision die asymmetrische Wette ist, auf die jeder Investor gewartet hat. Wir werden die fundamentalen Bausteine Ihres Unternehmens durch die Linse eines VCs betrachten, um Ihre Chancen auf die Millionen, die Sie für Ihr Wachstum benötigen, dramatisch zu erhöhen.

Warum VCs nach dem „Unicorn-Potenzial“ suchen und solide KMUs ablehnen

Die erste und wichtigste Lektion im Umgang mit VCs ist das Verständnis ihrer Geschäftslogik. Ein Venture-Capital-Fonds ist kein philanthropischer Club zur Förderung von Innovationen; er ist eine hochriskante Anlageklasse, die auf dem Prinzip der asymmetrischen Wetten basiert. Investoren sammeln Geld von ihren eigenen Geldgebern (Limited Partners) und versprechen aussergewöhnlich hohe Renditen. Diese Renditen können sie nicht mit stabilen, langsam wachsenden Unternehmen erzielen, selbst wenn diese profitabel sind. Der Grund dafür ist die sogenannte Portfolio-Mathematik.

Ein typischer VC-Fonds investiert in 20-30 Start-ups, mit dem Wissen, dass die Mehrheit scheitern wird. Mehr als die Hälfte wird das investierte Kapital komplett verlieren. Ein weiteres Drittel wird vielleicht das Geld zurückbringen oder eine kleine Rendite erzielen. Der gesamte Erfolg des Fonds hängt von ein oder zwei Unternehmen ab, die einen „Home Run“ erzielen – also eine Rendite von 50x, 100x oder mehr. Diese Unternehmen müssen die Verluste aller anderen Investments ausgleichen und darüber hinaus die versprochene Gesamtrendite erwirtschaften. Deshalb lehnen VCs ein grundsolides Unternehmen, das über fünf Jahre auf 10 Millionen Euro Umsatz mit 15 % Marge wächst, ab. Es ist ein gutes Geschäft, aber keine Wette mit Unicorn-Potenzial.

Abstrakte Darstellung der Venture Capital Portfolio-Rendite-Mathematik, die zeigt, wie ein leuchtendes Investment die vielen Fehlschläge ausgleicht.

Diese Dynamik ist keine Theorie, sondern harte Realität. Eine Analyse des Portfolios von Y Combinator, einem der erfolgreichsten Acceleratoren der Welt, zeigt, dass etwa 4,5 % der YC-Unternehmen zu Unicorns werden – eine deutlich höhere Rate als der Marktdurchschnitt. Ihre Aufgabe als Gründer ist es also nicht zu beweisen, dass Ihr Unternehmen profitabel werden kann, sondern dass es das Potenzial hat, in einem riesigen Markt eine dominante Position einzunehmen und exponentiell zu wachsen.

Wie Sie ein Pitch Deck aufbauen, das in 3 Minuten Begehrlichkeit weckt

Ein Investor sieht hunderte Pitch Decks pro Monat. Ihr Deck hat daher nur eine Aufgabe: In den ersten drei Minuten ein so starkes Signal auszusenden, dass es aus dem allgemeinen Rauschen heraussticht. Es geht nicht darum, jede Detailfrage zu beantworten, sondern darum, Begehrlichkeit zu wecken und den Wunsch nach einem persönlichen Gespräch auszulösen. Jede Folie muss einen entscheidenden Aspekt des „Unicorn-Potenzials“ beleuchten.

Denken Sie an Ihr Deck als eine Abfolge von Beweispunkten für eine explosive Skalierung. Während die genaue Reihenfolge variieren kann, sind dies die entscheidenden Signale, die ein VC sucht:

  • Das Problem: Ist das Problem riesig, schmerzhaft und dringend? Ein kleines Problem führt zu einem kleinen Unternehmen. Hier müssen Sie die Grösse des Schmerzes quantifizieren.
  • Die Lösung: Ist Ihre Lösung 10x besser als bestehende Alternativen, nicht nur marginal überlegen? Ein „Nice-to-have“ wird sich nie durchsetzen.
  • Die Marktgrösse (TAM): Ist der adressierbare Markt viele Milliarden Euro gross? Das ist kein Eitelkeitswert, sondern die Voraussetzung für eine 100x-Rendite. Belegen Sie dies mit glaubwürdigen Quellen, nicht mit vagen Schätzungen.
  • Das Team: Dies ist oft die wichtigste Folie. Haben die Gründer „Unfair Advantages“? Besondere Branchenerfahrung, technische Expertise oder eine nachgewiesene Fähigkeit, schnell umzusetzen? VCs investieren in Menschen, die auch nach einem Pivot noch erfolgreich sein können.
  • Proof of Concept / Traktion: Haben Sie bereits erste Beweise, dass Ihre Lösung funktioniert? Das können Nutzerzahlen, erste Umsätze, hohe Engagement-Raten oder Absichtserklärungen von grossen Kunden sein. Zahlen sind das stärkste Signal von allen.

Perfektion ist dabei nicht das Ziel. Es geht um die überzeugende Darstellung des Potenzials. Wie das Analyseportal Slidebean hervorhebt, ist das frühe Pitch Deck von YouTube ein klassisches Beispiel. Im Jahr 2005, mit weniger als 10.000 Nutzern, präsentierten die Gründer eine einfache 10-Folien-Präsentation vor Sequoia Capital:

YouTube’s pitch deck was used in 2005 when it had less than 10,000 users. They used an elementary version of a 10 slide pitch deck to go up in front of Sequoia Capital for fundraising. Still, the company was able to raise $3.5M in that Series A round November of that year. This cost around 30% of the stakes in the company.

– Slidebean Analysis, Pitch Deck Examples from 35+ Killer Startups

Dieses Beispiel zeigt: Ein klares Signal über Markt, Team und Vision wiegt mehr als ein perfekt designtes, aber nichtssagendes Deck.

VC-Geld oder eigene Kasse: Welcher Weg kostet Sie am Ende mehr Anteile?

Die Entscheidung für oder gegen Venture Capital ist eine der folgenreichsten für jeden Gründer. Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Bootstrapping (Finanzierung aus eigenen Mitteln) bedeutet 0 % Verwässerung, während eine VC-Runde leicht 15-25 % der Unternehmensanteile kostet. Diese Sichtweise ist jedoch trügerisch und ignoriert das Verwässerungs-Paradoxon: Weniger Anteile an einem riesigen Kuchen sind oft unendlich viel mehr wert als 100 % an einem kleinen.

Beim Bootstrapping behalten Sie die volle Kontrolle und alle Gewinne. Der Nachteil ist jedoch die Geschwindigkeit. Sie wachsen nur so schnell, wie Ihr Cashflow es zulässt. In einem „Winner-takes-all“-Markt, in dem Geschwindigkeit entscheidend ist, riskieren Sie, von einem schnelleren, VC-finanzierten Wettbewerber überholt zu werden. Am Ende besitzen Sie vielleicht 100 % eines Unternehmens, das irrelevant geworden ist.

Eine VC-Finanzierung ist wie Treibstoff für eine Rakete. Sie opfern Anteile für extreme Beschleunigung. Mit dem Kapital können Sie ein Top-Team einstellen, massiv in Marketing investieren und den Markt erobern, bevor es andere tun. Wenn Ihr Startup für 1 Milliarde Euro verkauft wird, sind 5 % davon immer noch 50 Millionen Euro – ein Ergebnis, das durch Bootstrapping in den meisten Fällen unerreichbar wäre. Der Preis ist jedoch nicht nur die Verwässerung, sondern auch der Verlust an Autonomie. Sie haben einen Vorstand, müssen Bericht erstatten und stehen unter enormem Druck, die Wachstumsziele zu erreichen.

Die aktuelle Marktlage verschärft diese Entscheidung. Nach dem EY Startup-Barometer sank das Finanzierungsvolumen in Deutschland 2023 um 39 % im Vergleich zum Vorjahr. Investoren sind wählerischer und legen mehr Wert auf Kapitaleffizienz. Die typische Verwässerung in einer Seed-Runde liegt bei 15-25 %, in einer Series A bei 20-30 %. Gründer müssen heute noch überzeugender darlegen, wie sie mit dem Kapital ein exponentielles Wachstum erzielen werden. Alternativen wie Revenue-Based Financing gewinnen an Bedeutung, bieten aber nicht die strategische Unterstützung und das Netzwerk eines „Smart Money“-VCs.

Die „Liquidation Preference“-Falle: Wie Sie bei einem Exit leer ausgehen können

Wenn Sie eine VC-Finanzierung annehmen, erhalten Sie ein Term Sheet. Dieses Dokument ist voller juristischer Klauseln, die weitreichende finanzielle Konsequenzen haben. Eine der wichtigsten und gefährlichsten ist die Liquidation Preference (Liquidationspräferenz). Sie regelt, wer bei einem Unternehmensverkauf (Exit) oder einer Liquidation zuerst und wie viel Geld bekommt. Eine ungünstig verhandelte Klausel kann dazu führen, dass die Gründer trotz eines millionenschweren Exits leer ausgehen.

Die häufigsten Formen sind:

  • Non-Participating Liquidation Preference: Dies ist die gründerfreundlichste Variante. Der Investor hat die Wahl: Entweder er erhält sein investiertes Kapital zurück (typischerweise 1x), ODER er wandelt seine Vorzugsanteile in Stammanteile um und partizipiert am Erlös entsprechend seiner prozentualen Beteiligung. Er kann nicht beides tun. Diese Klausel schützt den Investor nur vor einem negativen Szenario (Downside-Protection).
  • Participating Liquidation Preference: Dies ist die „Doppelt-Dippen“-Klausel. Der Investor erhält ZUERST sein Investment zurück UND partizipiert DANACH mit seiner prozentualen Beteiligung am restlichen Erlös. Dies ist für Gründer extrem nachteilig, besonders bei mittelmässigen Exits.

Die Auswirkungen sind dramatisch, wie das folgende, auf realen Bedingungen basierende Szenario zeigt.

Fallbeispiel: Die Auswirkung der Participating Preference

Ein Investor investiert 5 Mio. Euro für eine 20 %-Beteiligung an einem Startup. Die Gründer halten die restlichen 80 %. Das Unternehmen wird später für 50 Mio. Euro verkauft. Mit einer 1x Participating Preference erhält der Investor, wie in typischen Finanzierungsrunden modelliert, zuerst seine 5 Mio. Euro zurück. Von den verbleibenden 45 Mio. Euro erhält er zusätzlich seinen Anteil von 20 %, also 9 Mio. Euro. Insgesamt bekommt der Investor 14 Mio. Euro. Die Gründer teilen sich die restlichen 36 Mio. Euro. Hätten sie eine Non-Participating-Klausel verhandelt, hätte der Investor zwischen 5 Mio. Euro (seinem Investment) und 10 Mio. Euro (20 % von 50 Mio.) gewählt. Er hätte sich für 10 Mio. entschieden, und den Gründern wären 40 Mio. geblieben.

Konzeptuelle Darstellung der Erlösverteilung bei einem Startup-Exit, die die Wasserfall-Struktur der Auszahlungen symbolisiert.

Gerade in einem angespannten Marktumfeld versuchen Investoren oft, härtere Bedingungen durchzusetzen. Als Gründer ist es Ihre Pflicht, diese Klauseln zu verstehen und hart zu verhandeln.

Ihr Aktionsplan: Faire Liquidationspräferenzen verhandeln

  1. Non-Participating als Standard: Setzen Sie eine „Non-Participating Preference“ als Standard durch. Argumentieren Sie, dass diese eine faire Absicherung für den Investor darstellt, ohne die Gründer unangemessen zu benachteiligen.
  2. Cap als Kompromiss: Sollte der Investor auf einer „Participating“-Klausel bestehen, verhandeln Sie eine Obergrenze (Cap). Zum Beispiel kann die Partizipation enden, sobald der Investor das 2-fache oder 3-fache seines Investments erreicht hat.
  3. „Last-in-first-out“ verstehen: Klären Sie die Rangfolge bei mehreren Investoren. Üblicherweise wird der letzte Investor zuerst bedient. Verstehen Sie die Implikationen für frühere Investoren und sich selbst.
  4. Exit-Szenarien modellieren: Erstellen Sie eine Excel-Tabelle und berechnen Sie die Auszahlungen für verschiedene Exit-Preise (z. B. 20 Mio., 50 Mio., 200 Mio. EUR) unter verschiedenen Präferenz-Modellen.
  5. „Pari passu“ anstreben: Verhandeln Sie, dass alle Investoren gleichrangig (pari passu) behandelt werden, anstatt eine Senioritätskaskade zu schaffen, die spätere Investoren übermässig bevorzugt.

Was prüfen Investoren wirklich, bevor sie das Geld überweisen?

Ein positives Feedback nach dem Pitch und ein Term Sheet in der Hand fühlen sich wie ein Sieg an. Doch die eigentliche Arbeit beginnt oft erst danach: die Due Diligence (DD). In dieser Phase durchleuchtet der Investor Ihr Unternehmen bis ins kleinste Detail, um alle Annahmen zu verifizieren und versteckte Risiken aufzudecken. Es ist ein Prozess, der von tiefem Misstrauen geprägt ist. Die Devise lautet: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Ein Deal kann auch in dieser späten Phase noch scheitern.

Die DD ist kein standardisierter Prozess, sondern wird an die jeweilige Branche, das Geschäftsmodell und die Reife des Startups angepasst. Die Kernbereiche der Prüfung sind jedoch meist dieselben:

  • Financial DD: Hier werden Ihre historischen Finanzdaten, Ihre Planungsrechnung (Business Plan) und die zugrunde liegenden Annahmen geprüft. Stimmen die Zahlen? Sind die Wachstumsprognosen realistisch oder Wunschdenken? Hier zählt die Kapitaleffizienz: Wie viel Wachstum erzeugen Sie pro investiertem Euro?
  • Legal DD: Anwälte prüfen die gesamte rechtliche Struktur. Sind alle Gesellschaftsverträge sauber? Gehört das geistige Eigentum (IP) wirklich dem Unternehmen oder gibt es Ansprüche von ehemaligen Mitarbeitern oder Gründern? Gibt es laufende Rechtsstreitigkeiten? Saubere IP-Rechte sind für Tech-Startups absolut kritisch.
  • Tech DD: Insbesondere bei technologiegetriebenen Startups wird der Code von externen Experten geprüft. Ist die Architektur skalierbar? Wurde Open-Source-Software mit problematischen Lizenzen verwendet? Gibt es massive technische Schulden, die das zukünftige Wachstum bremsen?
  • Commercial DD: Dies ist die Überprüfung Ihrer Markt-Hypothesen. Der Investor wird mit Ihren Kunden, potenziellen Kunden und sogar Wettbewerbern sprechen. Ist der von Ihnen beschriebene „Schmerz“ real? Ist die Zahlungsbereitschaft vorhanden? Wie stark ist die Konkurrenz wirklich?

Dieser Prozess ist intensiv und zeitaufwendig, oft dauert er mehrere Wochen bis Monate. Seien Sie darauf vorbereitet, indem Sie einen sauberen, digitalen Datenraum mit allen relevanten Dokumenten erstellen, lange bevor die DD beginnt. Die Selektivität ist hoch; laut BVK-Statistik wurden 2023 in Deutschland nur 559 Start-ups durch Venture Capital finanziert. Jeder dieser Deals hat eine intensive Due Diligence durchlaufen. Ihre Fähigkeit, diesen Prozess professionell und transparent zu managen, ist ein weiteres starkes Signal an den Investor.

Wie bauen Sie ein Start-up, das von 10 auf 100 Mitarbeiter wachsen kann, ohne zu implodieren?

Kapital ist nur ein Beschleuniger. Es löst keine fundamentalen Probleme in der Organisation. Viele Gründer, die erfolgreich eine grosse Finanzierungsrunde abgeschlossen haben, machen den Fehler zu glauben, der schwierige Teil sei vorbei. In Wahrheit beginnt er erst. Das Wachstum von 10 auf 100 Mitarbeiter ist eine der gefährlichsten Phasen im Leben eines Startups – die sogenannte „Todeszone der Skalierung“. In dieser Phase zerbrechen informelle Prozesse, die Kommunikation bricht zusammen und die ursprüngliche Kultur löst sich auf.

Ein Investor schaut bei der Due Diligence nicht nur auf Ihr Produkt, sondern auch auf Ihre Fähigkeit als Gründer, eine Organisation aufzubauen, die dieses Wachstum überlebt. Es geht nicht darum, mehr Leute einzustellen, sondern darum, ein Betriebssystem für Skalierung zu implementieren. Dazu gehören mehrere Säulen:

Erstens, die Skalierung von Prozessen. Was bei 10 Leuten am Whiteboard entschieden wurde, führt bei 50 zu Chaos. Sie müssen frühzeitig in leichtgewichtige, aber skalierbare Systeme für Vertrieb (CRM), Produktentwicklung (Roadmapping-Tools) und Finanzen investieren. Zweitens, die Skalierung der Kommunikation. Die Ära der Ad-hoc-Meetings ist vorbei. Führen Sie asynchrone Kommunikationstools ein und definieren Sie klare Regeln, welche Information über welchen Kanal fliesst. Das Ziel ist es, die Abhängigkeit von synchronen Meetings zu reduzieren, die mit wachsender Teamgrösse exponentiell teurer werden.

Drittens, und das ist das Wichtigste, die Skalierung der Kultur. Kultur ist das, was Menschen tun, wenn niemand hinschaut. Bei 10 Mitarbeitern wird Kultur durch Osmose übertragen. Bei 100 muss sie explizit kodifiziert und kommuniziert werden. Definieren Sie Ihre Unternehmenswerte nicht als abstrakte Phrasen, sondern als konkrete, beobachtbare Verhaltensweisen. Machen Sie die Einhaltung dieser Werte zu einem Kriterium bei Einstellungen, Beförderungen und Entlassungen. Schliesslich müssen Sie als Gründer lernen, sich systematisch aus dem operativen Tagesgeschäft zurückzuziehen. Ihre Aufgabe ist es nicht mehr, Probleme zu lösen, sondern ein Team aufzubauen, das Probleme löst. Das bedeutet, Kontrolle abzugeben und ein Management-Team zu rekrutieren, das bereits Erfahrung in der Führung von 100+ Mitarbeitern hat.

Die Fähigkeit zur Skalierung ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine erlernbare Disziplin. Denken Sie darüber nach, wie Sie die strukturellen Grundlagen für nachhaltiges Wachstum schaffen.

Wie bauen Sie die erste Version Ihres Produkts, um die Idee zu testen, ohne Geld zu verbrennen?

Bevor ein VC Millionen in Ihre Vision investiert, will er Beweise sehen, dass diese Vision auf einem realen Bedarf basiert. Die Zeiten, in denen man mit einer reinen Idee auf einer PowerPoint-Folie eine Finanzierung erhielt, sind weitgehend vorbei. Heute lautet das Mantra: Traktion schlägt Vision. Der effektivste Weg, frühzeitig Traktion zu erzeugen und Ihre Hypothesen zu validieren, ist der Bau eines Minimum Viable Product (MVP).

Ein MVP ist nicht einfach eine abgespeckte Version Ihres Endprodukts. Es ist ein wissenschaftliches Instrument. Sein Zweck ist es, mit minimalem Aufwand an Zeit und Geld die kritischste Hypothese Ihres Geschäftsmodells zu testen: „Sind Kunden bereit, für meine Lösung eines bestimmten Problems zu bezahlen oder sie intensiv zu nutzen?“ Der Fokus liegt auf „Minimum“ und „Viable“. Es muss gerade genug Funktionalität bieten, um den Kernnutzen zu demonstrieren und echtes Feedback zu sammeln.

Es gibt verschiedene, clevere MVP-Ansätze, die kaum Budget erfordern:

MVP-Ansätze im Vergleich: Geschwindigkeit, Kosten und Validierungsstärke
MVP-Typ Zeitaufwand Kosten Validierung
Concierge MVP 1-2 Wochen < 1.000 EUR Direkte Kundenfeedbacks
Wizard of Oz 2-4 Wochen < 5.000 EUR User Experience Test
Landing Page 3-5 Tage < 500 EUR Conversion Rate
Prototyp 4-12 Wochen 5.000-50.000 EUR Feature Validation

Der „Concierge“-Ansatz bedeutet, den Service komplett manuell für die ersten Kunden zu erbringen, um den Prozess und den Bedarf tiefgehend zu verstehen. Beim „Wizard of Oz“ sieht die Fassade (das Frontend) wie ein automatisiertes Produkt aus, aber im Hintergrund wird alles von Menschen erledigt. Eine einfache „Landing Page“, die das Produkt beschreibt und einen „Jetzt kaufen“- oder „Anmelden“-Button hat, kann die Nachfrage validieren, bevor eine einzige Zeile Code geschrieben wurde. Die gesammelten Daten – Conversion Rates, Nutzerfeedback, erste Umsätze – sind die harte Währung, die Sie im Gespräch mit Investoren benötigen. Im boomenden KI-Sektor, der 2024 über 1,8 Mrd. EUR in Deutschland anzog, starteten viele der erfolgreichen Unternehmen mit solchen schlanken MVP-Ansätzen, um ihre Algorithmen an echten Problemen zu validieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Denken Sie wie ein Portfolio-Manager: Ihr Startup ist eine Wette auf eine extreme Rendite. Konzentrieren Sie alles darauf, dieses 100x-Potenzial glaubhaft zu machen.
  • Ihr Pitch ist ein Signal-Filter: Reduzieren Sie Ihre Botschaft auf die entscheidenden Signale (Markt, Team, Traktion) und ignorieren Sie das Rauschen. Begehrlichkeit vor Vollständigkeit.
  • Lesen Sie das Kleingedruckte: Klauseln wie die „Liquidation Preference“ können wichtiger sein als die Bewertung. Unwissenheit kann Sie hier Millionen kosten.

Wie berechnen Sie Ihren Kapitalbedarf so genau, dass Sie nicht nachfinanzieren müssen?

Eine der schwierigsten Fragen im Fundraising-Prozess ist: „Wie viel Geld benötigen Sie?“ Eine zu niedrige Zahl signalisiert Naivität und zwingt Sie, in wenigen Monaten erneut auf Kapitalsuche zu gehen – aus einer Position der Schwäche. Eine zu hohe Zahl wirkt gierig und lässt Zweifel an Ihrer Fähigkeit zur Kapitaleffizienz aufkommen. Die Berechnung des Kapitalbedarfs ist keine reine Mathematik, sondern eine strategische Übung, die Ihre Glaubwürdigkeit als CEO untermauert.

Professionelle Investoren erwarten eine Planung, die auf der 18-Monats-Regel basiert. Sie sollten so viel Kapital aufnehmen, dass Sie eine „Runway“ (finanzielle Reichweite) von mindestens 18 Monaten haben. Dieser Zeitraum setzt sich logisch zusammen:

  • 12 Monate für die Umsetzung: Sie benötigen ein Jahr, um die im Businessplan versprochenen Meilensteine (z. B. Erreichen einer bestimmten Nutzerzahl, eines Umsatzziels, Entwicklung eines Schlüssel-Features) zu erreichen. Diese Meilensteine sind die Voraussetzung, um die Bewertung Ihres Unternehmens für die nächste Finanzierungsrunde signifikant zu steigern.
  • 6 Monate für die nächste Runde: Der Prozess für eine Series A (oder eine andere Folgerunde) dauert vom ersten Kontakt bis zum Geldeingang leicht sechs Monate oder länger. Sie müssen diesen Puffer einplanen, um nicht mit dem Rücken zur Wand verhandeln zu müssen.

Die eigentliche Berechnung sollte eine Kombination aus zwei Ansätzen sein: einer Bottom-up-Planung und einer Top-down-Validierung. Bottom-up bedeutet, alle erwarteten Kosten detailliert aufzulisten: Personalkosten (Ihr grösster Block), Marketingausgaben, Miete, Softwarelizenzen etc. Seien Sie hier so granular wie möglich. Top-down bedeutet, von den Umsatzzielen rückwärts zu rechnen und zu prüfen, ob die geplanten Ausgaben realistisch sind, um diese Ziele zu erreichen. Ein entscheidender Punkt, den viele Gründer vergessen, ist der „Oh-Shit-Puffer“. Planen Sie immer 20-30 % zusätzliches Kapital für unvorhergesehene Ereignisse ein. Etwas wird garantiert schiefgehen. Ein Investor sieht es als Zeichen von Erfahrung und Realismus, wenn Sie diesen Puffer einkalkulieren. Die Kapitalintensität variiert stark je nach Sektor; laut KfW-Dashboard flossen 2024 allein 1,2 Mrd. EUR in deutsche Energie-Startups, die oft einen sehr hohen initialen Kapitalbedarf haben.

Eine präzise Kapitalbedarfsrechnung ist ein Beweis für Ihre strategische Weitsicht. Sie zeigt, dass Sie nicht nur eine Vision haben, sondern auch einen realistischen Plan, um diese Vision mit dem angefragten Kapital umzusetzen.

Häufig gestellte Fragen zur Risikokapital-Finanzierung

Wie lange dauert der Due Diligence Prozess typischerweise?

Der Prozess der Due Diligence (DD) ist sehr gründlich und dauert in der Regel zwischen 3 und 9 Monaten. Die genaue Dauer hängt von der Komplexität des Geschäftsmodells, der Unternehmensphase und der Qualität des vorbereiteten Datenraums ab. Momentan agieren Investoren besonders vorsichtig; sie rechnen frühestens für die zweite Jahreshälfte 2024 mit einer allgemeinen Markterholung.

Welche Metriken sind für VCs am wichtigsten?

Aufgrund des schwächeren Exit-Umfelds legen Investoren aktuell grösseren Wert auf Kapitaleffizienz und nachhaltige Geschäftsmodelle. Anstatt nur auf Wachstum um jeden Preis zu achten, analysieren sie Metriken wie den Customer Lifetime Value (CLV) im Verhältnis zu den Customer Acquisition Costs (CAC), die „Burn Multiple“ (wie viel Geld wird pro neuem Euro an wiederkehrendem Umsatz verbrannt) und die „Gross Margin“. Laut einer PwC-Umfrage bevorzugen 76 % der Investoren kapitaleffiziente Modelle.

Wie hat sich die Marktlage 2023/2024 entwickelt?

Der VC-Markt hat sich 2023 deutlich abgekühlt. Im Vergleich zum Vorjahr sind sowohl die Anzahl der Finanzierungstransaktionen um 40 % als auch das mediane Transaktionsvolumen um etwa 54 % zurückgegangen. Das bedeutet, es gibt weniger Deals und diese sind im Schnitt kleiner. Für Gründer heisst das: Der Wettbewerb um Kapital ist härter und die Bewertungen sind unter Druck.

Geschrieben von Lukas Bergmann, Seriengründer, Business Angel und Strategieberater für Skalierungsprozesse. Hat drei Tech-Start-ups erfolgreich aufgebaut und zwei davon profitabel verkauft (Exit). Experte für Lean-Management und Geschäftsmodellentwicklung.