Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Vergleich mit den Besten führt oft in die Irre; echter Fortschritt entsteht nicht durch das Kopieren von Erfolgen, sondern durch die Adaption universeller Prozessprinzipien.

  • Der Fokus nur auf erfolgreiche Unternehmen ignoriert systematisch die Lehren aus Misserfolgen (Überlebensirrtum) und führt zu verzerrten Strategien.
  • Innovation entsteht oft durch die Übertragung von fundamentalen Prozesslogiken aus völlig fremden Branchen, nicht durch die Nachahmung direkter Wettbewerber.

Empfehlung: Dekonstruieren Sie Prozesse, um die zugrunde liegende Logik zu verstehen, anstatt nur die sichtbare Oberfläche nachzuahmen.

Als Qualitätsmanager stehen Sie ständig unter dem Druck, die Leistung Ihres Unternehmens zu messen und zu verbessern. Der naheliegendste Reflex ist der Blick nach oben: Wer ist der Marktführer? Was macht er besser? Die gängige Managementlehre rät oft dazu, den „Best-in-Class“ zu identifizieren und dessen Methoden zu übernehmen. Dieser Ansatz ist verlockend einfach, doch er birgt eine fundamentale Gefahr. Er verleitet dazu, Symptome des Erfolgs zu kopieren, anstatt die Ursachen für die eigene, kontextspezifische Exzellenz zu schaffen. Man bewundert die Spitze des Eisbergs, ohne die unsichtbare Masse darunter zu verstehen, die ihn trägt.

Die reine Imitation erfolgreicher Konkurrenten ist eine Strategie voller Fallstricke. Sie ignoriert die einzigartigen Rahmenbedingungen, die Unternehmenskultur und die spezifischen Ressourcen, die Ihren Betrieb ausmachen. Was für einen globalen Konzern funktioniert, kann für ein mittelständisches Unternehmen ruinös sein. Viel schlimmer noch: Sie laufen Gefahr, die Fehler der Erfolgreichen unbemerkt mit zu kopieren, da der Fokus einseitig auf dem liegt, was sichtbar funktioniert. Aber was, wenn der wahre Hebel für nachhaltige Verbesserung nicht im Nachahmen, sondern im intelligenten Adaptieren liegt? Was, wenn die besten Ideen für Ihren Prozess nicht von Ihrem direkten Wettbewerber, sondern aus einer völlig anderen Branche stammen?

Dieser Artikel bricht mit der simplen Idee des Kopierens. Er führt Sie in die Methodik des systematischen Vergleichs ein, der auf der Dekonstruktion von Prinzipien statt auf der Imitation von Ergebnissen beruht. Sie werden lernen, wie Sie die richtigen, wirklich vergleichbaren Kennzahlen definieren, wie Sie legal an wertvolle Daten gelangen und wie Sie durch branchenfremde Vergleiche zu einem echten Innovationstreiber werden, anstatt nur ein besserer Zweiter sein zu wollen.

Um diesen strategischen Ansatz des Benchmarkings zu meistern, gliedert sich der folgende Leitfaden in klar definierte Schritte. Jeder Abschnitt baut auf dem vorherigen auf und liefert Ihnen ein umfassendes Instrumentarium für eine objektive und messbare Wettbewerbsanalyse.

Warum der Branchenprimus oft der falsche Vergleichsmassstab für den Mittelstand ist

Der Fokus auf den Branchenprimus ist eine der häufigsten und gefährlichsten Fallen im Benchmarking. Diese Fixierung unterliegt einem starken kognitiven Fehler, dem sogenannten Überlebensirrtum (Survivorship Bias). Wir analysieren ausschliesslich die Gewinner, die „Überlebenden“ des Marktes, und übersehen dabei die grosse Mehrheit der Unternehmen, die mit ähnlichen Strategien gescheitert sind. Eine Analyse zum Survivorship Bias zeigt, dass Forscher sich systematisch auf erfolgreiche Unternehmen fokussieren und dabei die wertvollen Lektionen aus den Misserfolgen ignorieren. Für einen Mittelständler bedeutet dies: Die kopierte Strategie eines Konzerns hat möglicherweise nur aufgrund dessen enormer Kapitalreserven, etablierter Vertriebskanäle oder reinen Markttimings funktioniert – Faktoren, die nicht reproduzierbar sind.

Das klassische Beispiel hierfür ist die Analyse von Einschusslöchern an heimgekehrten Bombern im Zweiten Weltkrieg durch den Mathematiker Abraham Wald. Das Militär wollte die Stellen verstärken, an denen die Flugzeuge die meisten Treffer aufwiesen. Wald erkannte den Trugschluss: Die wirklich kritischen Treffer waren an den nicht zurückgekehrten Flugzeugen zu finden. Man sollte also genau dort verstärken, wo die heimgekehrten Flugzeuge keine Treffer hatten. Diese Metapher ist direkt auf die Unternehmensanalyse übertragbar.

Abraham Walds Flugzeuganalyse als Metapher für Unternehmensanalyse

Anstatt also blind die Prozesse des Marktführers zu kopieren, sollten Sie sich fragen: „Welche Unternehmen sind mit einem ähnlichen Ansatz gescheitert und warum?“ Die Analyse von Insolvenzen, gescheiterten Produkteinführungen oder strategischen Kehrtwenden ehemaliger Wettbewerber liefert oft weitaus wertvollere Einblicke. Der Erfolg des Branchenprimus ist nur ein Datenpunkt in einem viel grösseren System. Ihn als alleinige Wahrheit zu betrachten, ist wie das Navigieren mit einer Landkarte, auf der nur die Gipfel, aber keine Täler oder Abgründe verzeichnet sind.

Welche Kennzahlen sind wirklich vergleichbar: EBITDA, NPS oder Durchlaufzeiten?

Die Auswahl der richtigen Kennzahlen (KPIs) ist das Fundament jedes sinnvollen Benchmarkings. Ein häufiger Fehler ist die Konzentration auf rein finanzielle, vergangenheitsorientierte Metriken wie Umsatz oder EBITDA. Rund 70 % der kleinen und mittleren Unternehmen nutzen nur grundlegende Finanzkennzahlen zur Steuerung, was einer Navigation mithilfe des Rückspiegels gleicht. Diese sogenannten nachlaufenden Indikatoren (Lagging Indicators) beschreiben lediglich das Ergebnis vergangener Aktivitäten. Sie zeigen, *was* passiert ist, aber nicht, *warum* es passiert ist oder *was* als Nächstes passieren wird. Ein hohes EBITDA kann das Resultat eines glücklichen Einmaleffekts sein und keine nachhaltige operative Stärke widerspiegeln.

Für einen strategischen Vergleich sind führende Indikatoren (Leading Indicators) entscheidend. Diese messen Aktivitäten und Fähigkeiten, die zukünftigen Erfolg vorhersagen. Anstatt nur den Marktanteil (nachlaufend) zu vergleichen, analysieren Sie die Innovationsrate oder die Qualifikationsentwicklung der Mitarbeiter (führend). Diese Kennzahlen geben Frühwarnsignale und zeigen, wo ein Wettbewerber zukünftige Stärken aufbaut. Ein weiterer wichtiger Typ sind Proxy-Metriken, die schwer messbare Grössen (wie Kundenzufriedenheit) durch einfacher zu erhebende Stellvertreter (wie die Wiederverkaufsrate) abbilden.

Die Kunst besteht darin, ein ausgewogenes Set an Kennzahlen zu definieren, das sowohl die Vergangenheit abbildet als auch die Zukunft prognostiziert. Die folgende Tabelle verdeutlicht die Unterschiede und hilft Ihnen bei der Auswahl der richtigen Indikatoren für Ihr Benchmarking-Projekt.

Vergleich von führenden vs. nachlaufenden Indikatoren
Indikatortyp Beispiele Vorhersagekraft Reaktionszeit
Führende Indikatoren Innovationsrate, Mitarbeiterqualifikation, Time-to-Market Hoch Frühwarnung
Nachlaufende Indikatoren Umsatz, EBITDA, Marktanteil Niedrig Vergangenheitsorientiert
Proxy-Metriken Interne Beförderungsrate, Feature-Releases Mittel Echtzeitnah

Ein Qualitätsmanager sollte sich daher auf operative Kennzahlen wie Durchlaufzeiten, First-Pass-Yield (Erstausbeute) oder Time-to-Market konzentrieren. Diese sind oft ehrlicher, schwerer zu manipulieren als Finanzkennzahlen und geben direkte Einblicke in die Prozess-Exzellenz eines Unternehmens. Sie sind die wahren Treiber des zukünftigen finanziellen Erfolgs.

Wie Sie Prozesse aus fremden Branchen adaptieren, um Innovationstreiber zu werden

Das generische Benchmarking ist die reinste Form des Benchmarkings. Es bietet das höchste Lernpotenzial, da es am meisten neue Ideen und Anregungen bietet.

– Transferzentrum für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Die radikalste und zugleich wirkungsvollste Form des Benchmarkings ist der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Beim generischen Benchmarking vergleichen Sie Ihre Prozesse nicht mit denen direkter Wettbewerber, sondern mit den Besten in einer bestimmten Funktion, unabhängig von der Branche. Dies zwingt Sie, von der reinen Imitation wegzukommen und stattdessen die fundamentalen Prinzipien hinter einem exzellenten Prozess zu dekonstruieren. Sie kopieren nicht das „Was“, sondern adaptieren das „Wie“ und das „Warum“.

Fallstudie: Southwest Airlines und die Formel-1-Boxenstopps

Ein Paradebeispiel für erfolgreiches Cross-Industry Benchmarking ist Southwest Airlines. Um die extrem teuren Standzeiten ihrer Flugzeuge am Boden zu minimieren, analysierte die Fluggesellschaft nicht andere Airlines. Stattdessen untersuchten sie die Boxenstopp-Crews der Indy 500 Autorennen. Sie zerlegten den Prozess des Betankens, Reifenwechselns und der Sicherheitschecks in seine Grundprinzipien – maximale Geschwindigkeit bei höchster Sicherheit. Durch die Adaption dieser Prinzipien auf ihre eigenen Abläufe konnte Southwest Airlines ihre Flugzeugwartungszeiten um 50 % reduzieren und einen massiven Wettbewerbsvorteil erzielen.

Dieser Ansatz erfordert eine systematische Vorgehensweise. Es geht darum, einen eigenen Prozess in seine Kernfunktionen zu zerlegen und dann eine andere Branche zu finden, die genau diese Funktion auf Weltklasse-Niveau ausführt. Ein Logistikunternehmen könnte beispielsweise von den Kommissionier-Prozessen bei Amazon lernen, während ein Softwareunternehmen die agilen Entwicklungszyklen von Start-ups analysieren könnte. Der Schlüssel liegt darin, die zugrundeliegende Logik zu verstehen und sie auf den eigenen, einzigartigen Kontext zu übertragen.

Ihr Aktionsplan: Prozessadaption nach der First-Principles-Methode

  1. Prozess-Dekonstruktion: Zerlegen Sie einen Ihrer Kernprozesse (z.B. „Kunden-Onboarding“) in seine fundamentalen Prinzipien, nicht nur in die sichtbaren Schritte. Was ist das eigentliche Ziel? (z.B. „Vertrauen in Rekordzeit aufbauen“).
  2. Kernfunktionen identifizieren: Bestimmen Sie die universellen Funktionen, die diesen Prozess ausmachen (z.B. „Informationsvermittlung“, „Feedback-Sammlung“, „technische Einrichtung“).
  3. Branchenfremde Champions finden: Recherchieren Sie, welche Branche eine dieser Kernfunktionen in Perfektion beherrscht. Wer ist Weltmeister im schnellen Aufbau von Vertrauen? (z.B. Luxushotellerie).
  4. Prinzipien extrahieren & übersetzen: Analysieren Sie den Prozess des Champions und extrahieren Sie die allgemeingültigen Prinzipien. Übersetzen Sie diese Prinzipien dann in konkrete Massnahmen für Ihren eigenen Kontext.
  5. Iterativ testen und anpassen: Implementieren Sie die adaptierten Massnahmen in einem kleinen Pilotprojekt, messen Sie die führenden Indikatoren (z.B. „Time-to-first-value“ für den Kunden) und passen Sie den Prozess iterativ an.

Der Fehler des internen Benchmarkings: Warum der Vergleich mit dem Vorjahr nicht reicht

Viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, verfallen in die trügerische Sicherheit des internen Benchmarkings. Man vergleicht die aktuellen Zahlen mit denen des Vorjahres oder des letzten Quartals und feiert eine Steigerung von 5 % als Erfolg. Dieses Vorgehen ist zwar besser als gar kein Controlling, aber es ist gefährlich selbstzufrieden. Es ignoriert vollständig die Dynamik des Marktes. Eine Steigerung von 5 % ist ein Misserfolg, wenn der Gesamtmarkt im gleichen Zeitraum um 15 % gewachsen ist. Man hat real an Boden verloren, fühlt sich aber als Gewinner. Internes Benchmarking macht betriebsblind und verschleiert die wahre Wettbewerbsposition.

Die alleinige Konzentration auf historische Daten verhindert proaktives Handeln und zementiert den Status quo. Man optimiert in kleinen Schritten einen möglicherweise längst veralteten Prozess, anstatt den Mut für einen notwendigen, radikalen Wandel aufzubringen. Der Blick nach aussen ist unerlässlich, um das eigene Leistungsniveau objektiv einschätzen zu können. Eine Studie von Geckoboard unterstreicht die Bedeutung von aktuellen Daten: 92 % der Unternehmen, die ihre Metriken in Echtzeit verfolgen, erreichten ihre Ziele in den letzten 12 Monaten. Dies zeigt, dass eine dynamische, nach aussen gerichtete Perspektive direkt mit dem Unternehmenserfolg korreliert.

Ein systematischer Ansatz zur Überwindung dieser Falle ist die Performance Gap-Analyse. Hierbei wird die Lücke (Gap) zwischen der eigenen Leistung und der des „Best-in-Class“-Wettbewerbers quantifiziert. Der erste Schritt ist die Erfassung der eigenen Baseline-Daten. Im zweiten Schritt identifizieren Sie den besten externen Wettbewerber für einen bestimmten Prozess oder eine Kennzahl. Anschliessend quantifizieren Sie die Lücke zwischen Ihrem Wert und dem des Wettbewerbers. Diese Lücke ist Ihre „Herausforderung“. Statt sich mit einer leichten Verbesserung gegenüber dem Vorjahr zufriedenzugeben, definieren Sie nun realistische Zwischenziele, um diese Lücke schrittweise zu schliessen. Dies schafft einen gesunden, nach aussen gerichteten Ehrgeiz und stellt sicher, dass sich Verbesserungen am Marktpotenzial und nicht an der eigenen Vergangenheit orientieren.

Wie Sie an verlässliche Daten der Konkurrenz kommen, ohne Industriespionage zu betreiben

Die grösste Hürde beim externen Benchmarking scheint oft der Zugang zu verlässlichen Daten der Konkurrenz zu sein. Viele Manager winken ab mit dem Argument, dass niemand seine Erfolgsgeheimnisse preisgibt. Doch diese Annahme ist ein Trugschluss. Es gibt eine Fülle an legalen und ethisch einwandfreien Wegen, um tiefgehende Einblicke in die Strategien, Prozesse und Leistungen von Wettbewerbern zu erhalten. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Der Schlüssel liegt in der Analyse der digitalen Brotkrumen, die jedes Unternehmen hinterlässt.

Fallstudie: Konkurrenzanalyse durch digitale Spurenanalyse

Eine effektive Methode ist die systematische Auswertung öffentlich zugänglicher Informationen. Stellenanzeigen verraten, welche Technologien und Fähigkeiten ein Konkurrent aufbaut und geben so Hinweise auf zukünftige strategische Schwerpunkte. Öffentliche Bewertungsportale und die 1-Sterne-Rezensionen der Konkurrenz sind eine Goldgrube, um ungedeckte Kundenbedürfnisse und Schwachstellen im Produkt oder Service zu identifizieren. Tools zur Analyse des „Software-Stacks“ einer Webseite zeigen, welche CRM-, Marketing- oder Analyse-Tools ein Wettbewerber einsetzt. Diese digitalen Spuren ermöglichen eine legitime und aufschlussreiche Konkurrenzanalyse, ganz ohne ethische Grenzüberschreitungen.

Es ist jedoch von grösster Wichtigkeit, eine klare Linie zwischen legitimer Recherche und unethischer oder gar illegaler Industriespionage zu ziehen. Die folgende Tabelle bietet eine Orientierung, welche Quellen unbedenklich sind und wo die Grauzone beginnt.

Legitime vs. problematische Informationsquellen
Legitime Quellen Graubereich Unethisch/Illegal
Geschäftsberichte Informelle Gespräche auf Messen Gezieltes Abwerben zur Informationsgewinnung
Stellenanzeigen Mystery Shopping Hacken von Systemen
Öffentliche Bewertungen Befragung ehemaliger Mitarbeiter Bestechung
Patentanmeldungen Reverse Engineering Diebstahl von Dokumenten

Für einen Qualitätsmanager bedeutet dies, einen systematischen Prozess zur Sammlung und Auswertung öffentlicher Daten zu etablieren. Dazu gehören das Monitoring von Geschäftsberichten, die Analyse von Patentanmeldungen und die regelmässige Auswertung von Kundenfeedback auf Drittplattformen. Diese „Open-Source Intelligence“ ist eine mächtige, aber oft vernachlässigte Disziplin im Benchmarking.

Wie etablieren Sie ein operatives Controlling, das Sie vor bösen Überraschungen schützt?

Ein effektives Benchmarking ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Um nicht von Marktentwicklungen oder Leistungseinbrüchen überrascht zu werden, benötigen Sie ein operatives Controlling als Frühwarnsystem. Dieses System geht weit über die monatliche Betrachtung von Finanzberichten hinaus. Es fokussiert auf die Echtzeit-Überwachung der zuvor definierten führenden Indikatoren. Stellen Sie es sich wie das Radar eines Schiffes vor: Es scannt kontinuierlich den Horizont, um Hindernisse frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Kurskorrekturen zu ermöglichen, lange bevor eine Kollision droht.

Der Aufbau eines solchen Systems erfordert die Definition klarer Schwellenwerte und Alarme für Ihre wichtigsten KPIs. Fällt beispielsweise die Antwortzeit des Kundenservice unter einen bestimmten Wert oder steigt die Ausschussquote in der Produktion über ein definiertes Limit, löst das System automatisch eine Benachrichtigung an die verantwortlichen Personen aus. Dies ermöglicht ein sofortiges Eingreifen, anstatt das Problem erst Wochen später in einem Report zu entdecken. Die Implementierung eines zentralen Dashboards, das die wichtigsten KPIs in Echtzeit visualisiert, ist dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Operatives Controlling als Radar-System visualisiert

Die Automatisierung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Manuelle Datenerfassung und -auswertung sind nicht nur fehleranfällig, sondern auch viel zu langsam für ein effektives Frühwarnsystem. Moderne Softwarelösungen können Daten aus verschiedenen Quellen (ERP, CRM, Produktionssysteme) automatisch zusammenführen und die KPIs berechnen. Wie Analysen zeigen, kann die automatische Berechnung von KPIs den Aufwand um bis zu 30 % reduzieren. Diese freigewordene Zeit kann das Management nutzen, um sich auf die Analyse der Daten und die Ableitung von Massnahmen zu konzentrieren, anstatt sie mit der reinen Erstellung von Berichten zu verschwenden.

Ein reaktives Controlling reicht nicht aus. Um nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen Sie verstehen, wie Sie ein operatives Controlling etablieren, das Sie proaktiv schützt.

Wie finden Sie heraus, ob Ihr Markt wirklich existiert, ohne ein Vermögen für Studien auszugeben?

Eine der fundamentalsten Fragen vor der Entwicklung eines neuen Produkts oder der Erschliessung eines neuen Geschäftsfelds lautet: Gibt es dafür überhaupt einen Markt? Klassische Marktforschungsstudien sind oft extrem teuer und zeitaufwendig, insbesondere für mittelständische Unternehmen. Doch auch hier bietet die intelligente Analyse des Wettbewerbs eine schlanke und kosteneffiziente Alternative. Die Existenz von Wettbewerbern ist an sich schon der erste Beweis dafür, dass ein Markt und ein grundlegender Bedarf vorhanden sind. Die eigentliche Frage ist jedoch: Gibt es einen ungedeckten Bedarf innerhalb dieses Marktes?

Fallstudie: Marktvalidierung durch Analyse von 1-Sterne-Bewertungen

Anstatt teure Umfragen zu starten, verfolgen erfolgreiche Start-ups oft einen einfacheren Ansatz: Sie analysieren systematisch die 1-Sterne-Bewertungen der Produkte von Marktführern auf Plattformen wie Amazon, Google oder Capterra. Diese öffentlichen Beschwerden sind eine ungefilterte Quelle für Kundenfrustration und reale Probleme. Wenn hunderte Nutzer sich über eine fehlende Funktion, schlechten Service oder eine komplizierte Bedienung beschweren, quantifiziert dies einen echten, ungedeckten Bedarf. Diese Analyse dient als direkte, datengestützte Basis für die Entwicklung eines eigenen, besseren Produkts, das genau diese Schwachstellen adressiert – eine hocheffiziente Form der Marktforschung.

Ein weiterer pragmatischer Ansatz ist das sogenannte MVP-Testing (Minimum Viable Product) im Schatten des Wettbewerbs. Anstatt ein fertiges Produkt zu entwickeln, erstellen Sie lediglich eine Landing-Page, die ein hypothetisches Produkt beschreibt. Diese Seite sollte gezielt die in der Konkurrenzanalyse identifizierten Schwachstellen adressieren und einen klaren Nutzen versprechen. Über gezielte Online-Werbung (z.B. auf Keywords, die auf die Probleme mit dem Konkurrenzprodukt abzielen) leiten Sie Traffic auf diese Seite. Ein „Jetzt vorbestellen“-Button misst die tatsächliche Zahlungsbereitschaft. Die Conversion-Rate dieser Seite ist ein harter, messbarer Indikator für das Marktpotenzial – lange bevor auch nur eine Zeile Code geschrieben oder eine Maschine gebaut wurde.

Die teure Marktforschung ist nicht der einzige Weg. Durch smarte Analyse des Wettbewerbs können Sie schnell und ressourcenschonend herausfinden, ob Ihr Markt wirklich existiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vermeiden Sie den Überlebensirrtum, indem Sie nicht nur die Erfolgreichen, sondern auch die Gescheiterten analysieren.
  • Konzentrieren Sie sich auf führende, operative Kennzahlen (z.B. Durchlaufzeiten), nicht nur auf nachlaufende Finanz-KPIs (z.B. EBITDA).
  • Suchen Sie nach Inspiration in fremden Branchen (generisches Benchmarking), um echte Innovationen zu schaffen, anstatt nur Wettbewerber zu imitieren.

Welche Aufgaben in Ihrem Unternehmen fressen Zeit und wie lassen sie sich automatisieren?

Jedes Unternehmen hat sie: Prozesse, die unverhältnismässig viel manuelle Arbeit binden, fehleranfällig sind und wertvolle Mitarbeiter von strategisch wichtigeren Aufgaben abhalten. Die Identifizierung und Automatisierung dieser „Zeitfresser“ ist eine der effektivsten Formen der internen Prozessoptimierung und ein direktes Ergebnis eines guten Benchmarkings. Wenn Sie feststellen, dass ein Wettbewerber eine deutlich kürzere Lieferzeit hat, liegt die Ursache oft in einem höher automatisierten Auftragsabwicklungs- oder Logistikprozess. Die Automatisierung ist somit kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um eine identifizierte Leistungslücke zu schliessen.

Es ist sinnvoll, zwischen operativer und strategischer Automatisierung zu unterscheiden. Die operative Automatisierung zielt auf die Effizienzsteigerung repetitiver, regelbasierter Aufgaben ab, wie z.B. die automatische Rechnungsstellung oder Dateneingabe. Hier lassen sich schnell Kosten einsparen und Fehler reduzieren. Die strategische Automatisierung hingegen nutzt Technologien wie KI, um komplexe, wertschöpfende Prozesse zu verbessern, etwa durch personalisierte Kundenansprache oder vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance). Sie schafft direkte Wettbewerbsvorteile.

Strategische vs. Operative Automatisierung
Automatisierungstyp Beispiele Wertbeitrag ROI-Zeitraum
Operative Automatisierung Rechnungsstellung, Dateneingabe Kosteneinsparung 3-6 Monate
Strategische Automatisierung Personalisierte Kundenbindung, Predictive Analytics Wettbewerbsvorteil 12-18 Monate
Hybride Automatisierung KI-gestützte Prozessoptimierung Beides 6-12 Monate

Um die grössten Potenziale zu heben, sollten Sie den Fokus nicht nur auf die eingesparte Zeit legen. Vielmehr geht es um die dadurch freigesetzten Kapazitäten für wertschöpfende Tätigkeiten. Dieses Konzept wird treffend in der folgenden Aussage beschrieben.

Die Befreiungs-Metrik misst nicht nur die eingesparte Zeit, sondern die dadurch freigesetzten Kapazitäten für strategisch wichtige Aufgaben wie Innovation oder intensive Kundenbetreuung.

– Bundesverband mittelständische Wirtschaft, BVMW Digitalisierungsstudie 2024

Beginnen Sie damit, einen einzigen, wiederkehrenden und zeitaufwendigen Prozess in Ihrem Verantwortungsbereich zu identifizieren. Analysieren Sie jeden Schritt und bewerten Sie systematisch, welche Teile durch Software, Skripte oder eine bessere Integration bestehender Systeme automatisiert werden könnten, um Kapazitäten für strategische Verbesserungen freizusetzen.

Geschrieben von Lukas Bergmann, Seriengründer, Business Angel und Strategieberater für Skalierungsprozesse. Hat drei Tech-Start-ups erfolgreich aufgebaut und zwei davon profitabel verkauft (Exit). Experte für Lean-Management und Geschäftsmodellentwicklung.